Djungel, Hitler, Aliens und Schokolade

Mit einer 4 1/2 –stündigen Fährfahrt mit kotzenden Sitznachbarn hüpfen wir auf die nächsten Insel. Wir haben nicht mehr viel Zeit, es beginnt zu dämmern und wir wollen endlich ankommen. Doch der Busfahrer will irgendwie nicht losfahren. Er wartet, bis der Bus voll ist. Aber so richtig voll. Also nichts mit Sitzplätze voll belegt, oder so, nein!

Es wird gequetscht, bis man jeglichen Bodenkontakt verliert und die Gefahr umzufallen gleich null ist! Erst dann rollt der Bus begleitet von dumpfen, lauten Bässen, die aus der Anlage dröhnen, los. Mit jedem Schlagloch stoßen wir Europäer uns den Kopf an der tiefen Decke und halten uns krampfhaft fest. Der eine an der Edelstahlstange, die andere an der Schulter des hocherfreuten Nachbarn. Auch wenn man nicht umfallen kann, die offen stehende Bustür wirkt bei dem Affentempo in den Kurven doch ein wenig gefährlich und die Fliehkräfte ziehen einen immer wieder Richtung Türöffnung.

Nach einer Stunde Busfahrt stehen wir im Dunkeln, ausgesetzt am Straßenrand, mitten in der Pampa von Bohol. Ein Hinweisschild zeigt in den dunklen Djungel. Unsere Unterkunft kann nicht mehr weit sein – ein Kilometer!

Und ehe wir uns versehen, sitzen wir am nächsten Morgen wieder im Bus. Vorgenommen haben wir uns „Sightseeing in der Natur“. Ein Besuch bei den Chocolate-Hills (Schokoladen-Hügel), auch wenn sie jetzt noch im saftigen grün leuchten!

In ein paar Monaten sieht das Ganze schon schokoladiger aus. Spektakulär? Naja, geht so. Spektakulär war eher die Mädchengruppe, die uns Touristen in Aktion erkennt. Wieder hören wir „Ihr seid doch RenArtis, oder?“ Und wieder sind wir völlig perplex! Gruppenfoto und weiter geht’s!

Auf der Rückfahrt im Bus wird Renate von ihrer älteren Sitznachbarin angesprochen. Wie heißt Du? Woher kommst Du? Wie alt bist Du? Bist Du verheiratet? Hast Du Kinder? Warum hast Du noch keine Kinder? U.s.w. Als die Dame aussteigen muss, fragt sie, ob Renate nicht mitkommen will, um ihr Haus zu sehen.

Und da stehen wir nun am Straßenrand: Agnecia, ihre Tochter, die zwei kranken Enkelkinder und RenArtis. Ihr Blick verrät: Damit hat sie jetzt nicht gerechnet! Euphorisch organisiert sie ein Tricycle, mit welchem wir tief in die Tucht zu ihrem Haus kutschiert werden. Etwas geschmeichelt fühlen wir uns schon, als sie jedem, der uns entgegenkommt zuruft: „My new friends from Germany! Say hello to my best friends!“ Hier freuen sich die Menschen wenigstens noch, mit uns befreundet zu sein!

So werden wir von Haus zu Haus, von Sohn zu Tochter und von Tochter zu Schwiegertochter geschleppt – quer durch das Dorf! Wir müssen frisch gepflückte Kokosnüsse trinken, bis uns die Bäuche platzen!

Nein sagen, das müssen wir wohl noch lernen. Erst als die Dämmerung einbricht, lässt Agnecia ihre deutschen Freunde wieder gehen. Denn sie kann verstehen, dass wir nicht wirklich an noch einer Nachwanderung durch den Djungel interessiert sind. Wir nehmen uns in den Arm, tauschen Adressen aus und versprechen, dass sie bei uns herzlich eingeladen ist, sollte sie es mal nach Deutschland schaffen. Dass die Philippinen schöner sind, als Deutschland, das will unser philippinisches Mütterchen uns nicht glauben. Aber eine Postkarte will sie unbedingt! DAS, ja das war wirklich spektakulär! Aber wenn wir schon auf Reisen sind, warum nicht einfach mal spontan sein?

Und was machen wir morgen?“, fragt eine übermüdete Renate ihren Liebsten. „Morgen, da fahren wir wieder Bus.

Am nächsten Tag also wieder im überfüllten Bus. Während Renate mit ihrem Europäerhintern die letzten Zentimeter Platz im Bus einnimmt, klammert Artis sich außen an die Stangen und lässt sein gold-braunes Haar im Fahrtwind wehen. Im Bus wieder die gleichen Fragen: Woher? Wie alt? Name? Aber dann: „Was hältst Du von Hitler?“ Alles im Bus wird still. Jeder wartet auf die Antwort der Blondine. „Bad man!“, sagt sie nur völlig verdutzt. Der Bus lacht und Artis bekommt wieder mal nichts mit. Er denkt nur daran, wie schön sein langes Haar doch im Wind weht, während das Blondchen in Erklärungsnot gerät.

Zum Glück müssen wir bald aussteigen und stehen schon unserem nächsten Gastgeber gegenüber. Doch der stellt keine doofen Fragen. Der schläft nur, oder glotzt mal blöd – der Tarsier, kein Affe, eher ein Alien.

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