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Spuren im Schnee
Norwegen

Spuren im Schnee

Ein dichter Nebel hat sich auf das norwegische Hochplateau der Hardangervidda niedergelegt. Die Sicht ist stark eingeschränkt. Wir halten wortlos an. Ich lege meinen Kopf auf demWanderstock ab und denke mir: „Warum tust du dir das hier gerade an?“ Der Wind schlägt mir den Schneeregen an den Rucksack. Es ist eigentlich Sommer.

Wir stehen zu fünft eng beisamen in einem Kreis. Keiner sagt etwas. Ich krame mir einen Powerriegel aus der durchnässten Hosentasche. Längst habe ich erkannt, was ich zu Hause vergessen habe – ein Paar Handschuhe. Mit eiskalten Fingern reiße ich den Riegel auf. Ich brauche Energie!

Immer noch kauend richte ich meinen Blick auf. Die Laune ist meinen Kameraden in’s Gesicht geschrieben. Wir gucken uns kurz an und stapfen wortlos weiter durch die Schneemassen. Der Schnee hat die Wachsschicht meiner Schuhe längst abgeschliffen und das Wasser hat seinen Weg durch die Lederschicht gefunden. Ich laufe wie auf Wasser durchtränkten Schwämmen. Jeder Schritt fühlt sich widerlich an! Und dazu die bierdeckelgroßen Blasen an den Fersen.

Morgens am selben Tag

Es ist früh am Morgen. Der Regen prasselt auf die Zeltwand. Eigentlich haben wir uns am gestrigen Abend besseres Wetter verhofft. Aber was ist schon ein leichter Regenschauer. Kurze Zeit später sitzen wir in der Runde und hauen uns gezwungener Maßen die Bäuche mit Haferschleim voll. Anschließend nutzen wir die kurze Regenpause um das Zeltlager abzubrechen. Mit einem letzten Blick in’s Tal in Richtung Stausee, geht es weiter. Wer weiß, vielleicht wird es die kommenden Tage nicht mehr solche schöne Zeltplätze geben. Zumindest nicht mit solchen majestätischen Aussichten.

Ringedalsvatnet

Motiviert geht es heute weiter Richtung Trollenzunge auch Trolltunga genant. Seit Tagen schlagen wir uns durch die menschenleere Wildnis, um der überlaufenen Touristenattraktion einen Besuch abzustatten. In der Ferne werden schon die ersten Menschen sichtbar – Zivilisation! Menschen, die es in 5 Stunden zur Felszunge schaffen. Wir jedoch kommen nach einer Drei-Tagestour aus der entgegengesetzten Richtung. Es war eine bewusste Entscheidung, welche auch gut war. Die Zeit mit dem Rucksack auf dem Buckel oder abends um’s Feuer, wirkt entschleunigend auf mich. Es wäre schön, wenn das ganze Leben so stressfrei und entspannt verlaufen würde. Doch der Alltag lässt es nicht zu. Bei mir zumindest. Es gibt so viele Dinge zu erledigen. So vieles muss organisiert und geplant werden. Der Job nimmt einen Großteil der Zeit ein. Und dann ist da noch die Familie. Die kam in den letzten Tagen leider viel zu kurz.

Ich hab mich mit einem schlechten Gewissen gegenüber meiner Familie und mit einem unruhigem Herzen in dieses Abenteuer gestürzt. Eigentlich nicht so optimal. Ich solle die Wanderung genießen, klingen die letzten Worte meiner Frau noch im Ohr nach. Die Tatsache, dass meine Frau mich nahezu überredet hat, diese Tour mitzumarschieren, gibt mir wieder Mut.

Der Antrag

Der Typ vor mir in der Warteschlange kommt mir ganz seltsam vor. Er betritt die Trollen-Zunge mit seiner Freundin und wirkt dabei etwas verwirrt. Auf einem 5 Meter langen und nur 2-3 Meter breiten Felsvorsprung legt der Mann in 700 Metern Höhe einen feinen Kniefall vor seiner Dame hin. Er nimmt ihre Hand und steckt den Rind auf ihren Finger. Sie hat JA gesagt! Wir jubeln und applaudieren. Ich denke in diesem Moment an meine Familie. Ich vermisse sie!

Auf der Trollenzunge

Nach dem aufregenden Aufenthalt an der Trolltunga gehen wir weiter. In der Aufregung merken wir nicht, wie sich das Wetter verschlechtert. Die Wolken kommen bedrohlich nahe. Der Wind wird eisig, und der Regen vermischt sich mit Schneeflocken. Wir treffen auf dem Weg eine Gruppe Norweger. Sie kommen uns entgegen.

„Haltet euch an die Fußspuren im Schnee! Die Wandermarkierungen in eure Richtung werden nämlich immer seltener. Und irgendwann müsst ihr euch dann an der Stromleitung orientieren.“

 

Kurze Zeit später bemerken wir, dass die Wegmarkierungen nicht mehr da sind. Und wie war das mit den Spuren im Schnee? Wir haben leicht die Orientierung verloren.

Wir müssen weiter. Doch es ist nicht leicht den richtigen Weg einzuschlagen. Wir sitzen in einer kleinen Schlucht fest. So nenne ich sie mal. In ihr bildet sich ein See, welcher halb zugefroren und mit Schnee bedeckt ist. Dieser See wird von mehreren Wasserfällen und Zuflüssen gefüllt. Die Felswände steigen steil empor. Wir entschließen uns einen mit Eis und Schnee bedeckten Fluss zu überqueren. Einer nach dem anderen.

Es gab sicherlich einen anderen Weg da raus, denke ich mir, als wir wieder Spuren finden und uns an diesen orientieren. Immerhin haben wieder den Pfad wieder! Doch das Wetter schlägt immer weiter um. Die Umstände bringen das Gleichgewicht aus dem Ruder. In einer 5er- Kette kämpfen wir uns durch den dichten Nebel voran. Wir marschieren wie bei der Bundeswehr. Ich denke an etwas schönes. Eine volle warme Badewanne, obwohl ich es hasse. Ein warmes Bett oder trockene Klamotten! Als wir wieder Rast machen, stütze ich meinen Kopf auf den Wanderstöcken ab. Ich hechele vor mir hin, als würde ich gerade eine Wehe veratmen. Es ist anstrengend. Der Wind weht eisig und die Kälte dringt durch die Kleider. Weiter, bloß nicht zu lange stehen bleiben.

Plötzlich taucht über uns ein Helikopter auf. Im nächsten Moment verschwindet er auch wieder hinter der nächsten Hügelkuppe und verstummt. Da muss eine Berghütte sein! In den letzten Tagen beobachteten wir immer wieder, wie die Hütten per Helikopter mit Proviant versorgt werden. Es ist unsere Hoffnung. Wir jubeln und bekommen neue Energie.

Eine kurze Zeit später sitzen wir in einer trockenen, warmen 4-Mann Hütte. Bis zum Abend werden es insgesamt 9 Wanderer, die vor dem Sturm in den Bergen Unterschlupf gesucht und gefunden haben. Und noch am selben Abend springe ich nackt in einen halb zugefrorenen See und tanze auf einer Eisscholle.

Zitat aus meinem Tagebuch:

„So negativ und anstrengend der Tag auch war, irgendetwas Positives birgt er doch noch!“

Spuren im Schnee
Norwegen

Spuren im Schnee

Ein dichter Nebel hat sich auf das norwegische Hochplateau der Hardangervidda niedergelegt. Die Sicht ist stark eingeschränkt. Wir halten wortlos an. Ich lege meinen Kopf auf demWanderstock ab und denke mir: „Warum tust du dir das hier gerade an?“ Der Wind schlägt mir den Schneeregen an den Rucksack. Es ist eigentlich Sommer.

Wir stehen zu fünft eng beisamen in einem Kreis. Keiner sagt etwas. Ich krame mir einen Powerriegel aus der durchnässten Hosentasche. Längst habe ich erkannt, was ich zu Hause vergessen habe – ein Paar Handschuhe. Mit eiskalten Fingern reiße ich den Riegel auf. Ich brauche Energie!

Immer noch kauend richte ich meinen Blick auf. Die Laune ist meinen Kameraden in’s Gesicht geschrieben. Wir gucken uns kurz an und stapfen wortlos weiter durch die Schneemassen. Der Schnee hat die Wachsschicht meiner Schuhe längst abgeschliffen und das Wasser hat seinen Weg durch die Lederschicht gefunden. Ich laufe wie auf Wasser durchtränkten Schwämmen. Jeder Schritt fühlt sich widerlich an! Und dazu die bierdeckelgroßen Blasen an den Fersen.

Morgens am selben Tag

Es ist früh am Morgen. Der Regen prasselt auf die Zeltwand. Eigentlich haben wir uns am gestrigen Abend besseres Wetter verhofft. Aber was ist schon ein leichter Regenschauer. Kurze Zeit später sitzen wir in der Runde und hauen uns gezwungener Maßen die Bäuche mit Haferschleim voll. Anschließend nutzen wir die kurze Regenpause um das Zeltlager abzubrechen. Mit einem letzten Blick in’s Tal in Richtung Stausee, geht es weiter. Wer weiß, vielleicht wird es die kommenden Tage nicht mehr solche schöne Zeltplätze geben. Zumindest nicht mit solchen majestätischen Aussichten.

Ringedalsvatnet

Motiviert geht es heute weiter Richtung Trollenzunge auch Trolltunga genant. Seit Tagen schlagen wir uns durch die menschenleere Wildnis, um der überlaufenen Touristenattraktion einen Besuch abzustatten. In der Ferne werden schon die ersten Menschen sichtbar – Zivilisation! Menschen, die es in 5 Stunden zur Felszunge schaffen. Wir jedoch kommen nach einer Drei-Tagestour aus der entgegengesetzten Richtung. Es war eine bewusste Entscheidung, welche auch gut war. Die Zeit mit dem Rucksack auf dem Buckel oder abends um’s Feuer, wirkt entschleunigend auf mich. Es wäre schön, wenn das ganze Leben so stressfrei und entspannt verlaufen würde. Doch der Alltag lässt es nicht zu. Bei mir zumindest. Es gibt so viele Dinge zu erledigen. So vieles muss organisiert und geplant werden. Der Job nimmt einen Großteil der Zeit ein. Und dann ist da noch die Familie. Die kam in den letzten Tagen leider viel zu kurz.

Ich hab mich mit einem schlechten Gewissen gegenüber meiner Familie und mit einem unruhigem Herzen in dieses Abenteuer gestürzt. Eigentlich nicht so optimal. Ich solle die Wanderung genießen, klingen die letzten Worte meiner Frau noch im Ohr nach. Die Tatsache, dass meine Frau mich nahezu überredet hat, diese Tour mitzumarschieren, gibt mir wieder Mut.

Der Antrag

Der Typ vor mir in der Warteschlange kommt mir ganz seltsam vor. Er betritt die Trollen-Zunge mit seiner Freundin und wirkt dabei etwas verwirrt. Auf einem 5 Meter langen und nur 2-3 Meter breiten Felsvorsprung legt der Mann in 700 Metern Höhe einen feinen Kniefall vor seiner Dame hin. Er nimmt ihre Hand und steckt den Rind auf ihren Finger. Sie hat JA gesagt! Wir jubeln und applaudieren. Ich denke in diesem Moment an meine Familie. Ich vermisse sie!

Auf der Trollenzunge

Nach dem aufregenden Aufenthalt an der Trolltunga gehen wir weiter. In der Aufregung merken wir nicht, wie sich das Wetter verschlechtert. Die Wolken kommen bedrohlich nahe. Der Wind wird eisig, und der Regen vermischt sich mit Schneeflocken. Wir treffen auf dem Weg eine Gruppe Norweger. Sie kommen uns entgegen.

„Haltet euch an die Fußspuren im Schnee! Die Wandermarkierungen in eure Richtung werden nämlich immer seltener. Und irgendwann müsst ihr euch dann an der Stromleitung orientieren.“

 

Kurze Zeit später bemerken wir, dass die Wegmarkierungen nicht mehr da sind. Und wie war das mit den Spuren im Schnee? Wir haben leicht die Orientierung verloren.

Wir müssen weiter. Doch es ist nicht leicht den richtigen Weg einzuschlagen. Wir sitzen in einer kleinen Schlucht fest. So nenne ich sie mal. In ihr bildet sich ein See, welcher halb zugefroren und mit Schnee bedeckt ist. Dieser See wird von mehreren Wasserfällen und Zuflüssen gefüllt. Die Felswände steigen steil empor. Wir entschließen uns einen mit Eis und Schnee bedeckten Fluss zu überqueren. Einer nach dem anderen.

Es gab sicherlich einen anderen Weg da raus, denke ich mir, als wir wieder Spuren finden und uns an diesen orientieren. Immerhin haben wieder den Pfad wieder! Doch das Wetter schlägt immer weiter um. Die Umstände bringen das Gleichgewicht aus dem Ruder. In einer 5er- Kette kämpfen wir uns durch den dichten Nebel voran. Wir marschieren wie bei der Bundeswehr. Ich denke an etwas schönes. Eine volle warme Badewanne, obwohl ich es hasse. Ein warmes Bett oder trockene Klamotten! Als wir wieder Rast machen, stütze ich meinen Kopf auf den Wanderstöcken ab. Ich hechele vor mir hin, als würde ich gerade eine Wehe veratmen. Es ist anstrengend. Der Wind weht eisig und die Kälte dringt durch die Kleider. Weiter, bloß nicht zu lange stehen bleiben.

Plötzlich taucht über uns ein Helikopter auf. Im nächsten Moment verschwindet er auch wieder hinter der nächsten Hügelkuppe und verstummt. Da muss eine Berghütte sein! In den letzten Tagen beobachteten wir immer wieder, wie die Hütten per Helikopter mit Proviant versorgt werden. Es ist unsere Hoffnung. Wir jubeln und bekommen neue Energie.

Eine kurze Zeit später sitzen wir in einer trockenen, warmen 4-Mann Hütte. Bis zum Abend werden es insgesamt 9 Wanderer, die vor dem Sturm in den Bergen Unterschlupf gesucht und gefunden haben. Und noch am selben Abend springe ich nackt in einen halb zugefrorenen See und tanze auf einer Eisscholle.

Zitat aus meinem Tagebuch:

„So negativ und anstrengend der Tag auch war, irgendetwas Positives birgt er doch noch!“

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